l

l

Tagebuch KW 17: Dan Humphrey, Blair Waldorf und Samantha Jones

Oft treffe ich mich mit Fremden. Ob Tinder oder Gruppen für Neulinge in Hamburg, mir sind alle Leute lieb, die sympathisch wirken. Nicht, weil ich Freunde oder die große Liebe suche. Eher, weil ich es liebe neue Leute kennen zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.
So traf ich mich mit ihr am Anfang des Hamburger Berges. Wir gingen in "Rosi's Bar" und bei einem Bier auf einem der gemütlichen Sofas, lernten wir uns kennen. "Ich hasse Weiber!". Sie lachte. "Ich auch!", gab sie zu und wir verliebten uns sofort ineinander. 
Nach einigen Stunden tanzten wir in der Barbarabar zu Musik aus dem letzten 40 Jahren. 
In einer Großstadt voller Touristen kann ich den Studenten-Donnerstag auch jedem Nicht-Studenten empfehlen, der ausnahmsweise freitags frei hat. Ich hatte Freitag frei und war das ganze Wochenende zum Arbeiten weg, weswegen ich meinen geliebten Donnerstag nutzte.
Eine Jungstruppe schlängelte sich an uns vorbei. Nachdem sie sich mit sieben Personen in die Foto-Box gequetscht hatten, sprachen wir ein paar Sätze mit dem alkoholisiertesten unter ihnen. Hinter ihm wartete der Bestaussehendste der Gruppe aufs weitergehen. Ich lächelte ihn an und er hielt meinem Blick drei Sekunden stand. 
Noch am Vormittag in der S-Bahn hatte ich mir überlegt, dass ein Typ schon mindestens 3 Sekunden Blickkontakt halten können müsste, um einen Flirt wert zu sein.
Ich war nicht betrunken, ich war nur glücklich meinen Abend mit einer neugewonnenen Bekanntschaft verbingen zu können. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging zur Bar, wo der gutaussehende große Kerl grade Bier orderte. Ich fasste ihm sanft an den Oberarm und er drehte sich zu mir um. Ohne ein Zögern oder ein bisschen Angst, fragte ich: "Hey, hast du Lust mir deine Nummer zu geben?". Er gab sie mir. Unmöglich. Ich traute der Situation nicht. Es muss einen Haken geben. 
Der Haken kam dann auch im Laufe des Abends heraus, nachdem wir in die Bar wiederkehrten und wir kontaktierten uns auch nie. Ich bedauere es nicht. Ich habe das erste Mal einen wirklich hübschen Mann nach seiner Telefonnummer gefragt und habe gesiegt.

Wenig später fand ich mich tanzend in einer Bar wieder. Er, braun gebrannt bis zum geht-nicht-mehr, groß, muskulös mit ausgeblichenen wilden kurzen Locken und einfach sympathisch. "Sag mal, bist du Surflehrer?" - "Nein, Segellehrer", ich brach in schallendes Gelächter aus. Noch jetzt muss ich lachen, wenn ich an die Situation und sein weißes großes Lachen denke.

Morgens 11.30 Uhr in Hamburg: "Hey Judy, begleitest du mich um 16 Uhr zu einer Vernissage?". Natürlich. Eine Vernissage kenne ich aus Gossip Girl, aber wie ist das so im richtigen Leben? Mein verkatertes Ich gab alles um fit zu werden.
Einen Tag später: "Hey Patrick, ich war auf einer Vernissage" - "Eine Vernissage kenne ich, sowas haben die auch manchmal bei GZSZ."
Der Mythos Vernissage. Sowas gibt es doch nur in Filmen. Ich stellte mir eine schicke Galerie vor mit einer völlig durchgedrehten Künstlerin, die extrovertiert alle über ihre Gemälde aufklärt während die schick gekleideten Menschen Champagner saufen.
Champagner gab es, schick Gekleidete auch. Nur mit einem doppelstückigen Ingenierbüro mit Dachterasse hatte ich nicht gerechnet. 
Wir kamen rein, hängten unsere Jacken auf die Gaderobe und ich war unendlich froh, dass ich meine Jacke von Tommy Hilfiger anhatte, die ich meiner Mama entwendet habe und keine 10€-Sale-Winterjacke. Wir wurden angeguckt wie Aliens und so fühlten wir uns. Die wenigen Kinder, die da waren - und mit Kinder meine ich ungefähr drei Mädchen oder Jungen unter 25 Jahren, die ganz klar mit ihren steinreichen Eltern da waren - trugen Ralph Lauren Sommerkleider oder Anzüge. 
Meine Freundin setzte ihre Ray Ban Sonnenbrille auf und bestaunte meine Sonnenbrille. "Ist das eine von Prada? Die haben doch etwa so eine letztes Jahr rausgebracht.". Ich lachte herzlich und erklärte ihr, dass die Brille keineswegs mehr als 2€ gekostet hat. 
Nun saßen wir auf der Dachterasse, tranken Champagner und erfanden Geschichten, die wir den Leuten erzählen konnten, um einen Grund für unsere Anwesenheit zu finden. Meine Freundin wurde von ihrer Firma eingeladen, aber das konnte man ja keinem verraten bei Preisen für Acryl-Gemälde, die bei 600€ losgingen.
Mein Favorit war die Geschichte, in der ich Model und Hobbyfotografin war, die für ihr neues Loft in Wilhelmsburg noch passende Kunst sucht. Meine Freundin spinnte weiter und war plötzlich auch Model. "Wenn mich jemand fragt, warum ich mit 1,65m Model sein kann, dann erzähle ich halt, dass das der Grund ist weswegen ich keinen Erfolg habe". Wir weinten vor lachen und als uns die herrliche Frühlingssonne zu sehr im Gesicht brannte, plünderten wir das Buffet und verschwanden kurze Zeit später.


Auf dem Rückweg bummelten wir vom Jungfernstieg zum Hauptbahnhof. Als meine Freundin mich verließ um ihr Gleis zu suchen, stoppte mich ein Typ. "Hey, du hast 'nen coolen Stil, ich dachte, ich spreche dich mal an." Ich schmunzelte. Sollte mir sowas passieren? Gehöre ich nun tatsächlich zu den Leuten, die auf der Straße offen angeflirtet werden? Ich habe es mir wirklich nicht ausgedacht. Vielleicht komme ich an Videos, der Überwachungskameras, damit ich es später meinen Enkeln zeigen kann. 
Wir quatschten einige Minuten bis wir ohne Nummernaustausch weiterzogen. Ich habe einfach keine Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen. 

Am Samstag stand ich um 5 Uhr auf um nach Bad Segeberg zu fahren. Mein erster Einsatz. Ich für Renault. Im Zug lernte ich noch schnell die Modelle, Preise und Ausstattungen um sofort alles zu vergessen. Es half auch nicht viel, dass ich bereits in der Nacht zuvor bis 3 Uhr versucht habe alles auswendig zu lernen. 
Ich lernte den Kunden und meinen Mitarbeiter kennen, mit dem ich einige Tage zuvor schon telefoniert hatte. Ich wusste nur, dass er genau so viel arbeitet wie ich und als er aus seinem Auto stieg, entpuppte er sich ausserdem als wirklich gutaussehend. 
Wir fuhren zum Aktionsort und bauten auf. Wir stellten fest, wie cool wir uns fanden und schon nach einer Stunde waren wir ein perfekt eingespieltes Team. Es war wie im Film. 
Ich bestellte den Kaffee, er nahm die Becher von der Theke, ich schüttete die Milch hinein, er warf ein Stück Zucker in meinen Becher. Klingt so geschrieben nun wirklich banal, aber für jemanden, den man genau zwei Stunden kennt, ein voller Erfolg.


Nach Feierabend fuhren wir mit seinem Auto an den Strand von Scharbeutz. Als auf der Sandbank eine Muschel lag, die er seiner Freundin gerne mitgebracht hätte, zögerte ich nicht lang. Ich zog einen meiner Schuhe aus, machte zwei große Schritte hinüber und holte sie ihm. Wir lachten und freuten uns am Meer zu sein. Statt wie geplant eine Hotelbar mit Panoramablick aufzusuchen, waren wir uns mit einem Blick einig, dass wir unser am Tag verdientes Geld, nicht so zum Fenster hinausschmeißen wollten. Wir fuhren ein Stück und legten ein Candle Light Dinner in einem günstigen Fast-Food-Laden ein. Wir teilten uns eine Cola, erzählten uns Geschichten über Gott und die Welt und wurden dabei zunehmender alberner durch die Müdigkeit. "Du siehst aus wie ein 14-Jähriger mit trainierten Oberarmen." - "Halt die Schnauze!". Wir waren auf einem Level und mochten uns sehr. 
Zurück im Hotel einigten wir uns schnell, dass ich den besseren Fernseher im Zimmer hätte und so quatschten wir bis 4.30 Uhr mit einer kleinen Menge Bier und wollten einfach nicht schlafen, weil die Zeit zu wertvoll war. 
Natürlich verschlief ich. Anders hätte es nicht kommen können. Dennoch war ich pünktlich. Ich musste eben nur auf das Frühstück und das Wach-werden verzichten.
Im Laufe des Tages alberten wir mit der Auszubildenden des Autohauses herum, fuhren mit dem Dacia eines Verkäufers eine üble Geländestrecke und wurden gelobt bis unsere Selbstwertgefühle ohne Ende wuchsen. Niemand bemerkte auch nur annährend, dass dies mein erster Einsatz war.
Auf der Rückfahrt erzählte Patrick mir, dass ich seine Enttäuschung über die letzten Einsätze mit unfähigen Neulingen, zunichte gemacht hätte und er noch nie jemanden dabei hatte, der am ersten Tag so gut war wie ich. Mein Selbstwertgefühl kam schließlich auf dem Mond an. "Ich nehme dich nun immer, wenn du Zeit hast, zu Einsätzen in Norddeutschland mit!". Keine leere Versprechung, sondern eine Ansage, die schon längst mit dem Arbeitgeber abgestimmt war. 
Als er mich vor meiner Haustür absetzte, vermisste ich ihn schon ein bisschen. Keine Sekunde dieses arbeitsreichen Wochenende, hatte ich darüber nachgedacht, dass ich grade arbeite. Ich genoss die Herausforderung die Leute zu informieren und das Tagesziel einzuhalten. Der Kunde war glücklich, der Mitarbeiter war glücklich, die Agentur war glücklich und ich bin immernoch glücklich. 


Mein Leben ist derzeit ein Film. Nichts von dem was passiert, erscheint mir wirklich. Die Sorgen um die Zukunft sind verflogen und stattdessen genieße ich die Gegenwart. Vielleicht behandle ich die üblen Dinge etwas zu gleichgültig, aber wenn ich es bisher bis hierher gebracht habe, dann kann ich nicht allzu sehr scheitern. 
Diese Gelassenheit, die nach einem Jahr plötzlich zurück ist, scheint mir gut zu stehen. Zumindest erkläre ich mir so meine neue Wirkung auf andere Menschen. 
Ich weiß was ich kann und habe keine Scheu, dies zu beweisen. Es ist nicht so, als würde ich mich überschätzen, eher unterschätze ich mich ständig und bin glücklich mich jedes Mal wieder positiv zu überraschen.
Das einzige was mir derzeit fehlt ist die Einschätzung der Zukunft und Zeit. Ich habe zu viele interessante Nebenjobs und weiß noch gar nicht, wie viele ich davon einstellen muss, wenn ich in einer Woche plötzlich wieder Vollzeit berufstätig bin. VIP-Betreuung, Touristenführungen, Tim Mälzer oder Autos? Bezahlung, Zeit oder Spaß? Ich muss mich demnächst entscheiden und um ehrlich zu sein, hätte ich gern jeden Tag der Woche eine andere Tätigkeit.

Nun sitze ich allein in der riesen großen Küche, mit einer angegessenen Pizza und einem leeren Saftglas neben mir und rauche kette während ich dies schreibe. Meine Akku-Anzeige blinkt panisch und ich fühle mich wie Dan Humphrey mit dem Charakter Blair Waldorfs. Mein oberflächlicher Kontakt mit dem männlichen Geschlecht ist wohl etwas mehr Samantha Jones, doch real ist nichts von dem. Vielleicht wache ich morgen auf und wohne wieder in der Kleinstadt und es war alles nur ein Traum.

Ich habe mich entschieden ab und an Anekdoten aus meinem Leben mit euch zu teilen. Ich werde die Posts nicht mehr so häufig bei Facebook teilen, da alles so privat ist. Ein Feedback von euch wäre wie immer großartig und ich versuche in Zukunft mehr Bilder hinzufügen zu können. Ich denke, dass ich demnächst an einem neuen Design und einem neuen Titel basteln werden, denn ich habe da so eine Idee..

1 Kommentar:

  1. das klingt teilweise wirklich ein bisschen wie aus einem film aber ich habe es echt gern gelesen und würde mich über mehr anekdoten freuen. bin gespannt was da noch so kommt :)

    AntwortenLöschen