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Sascha

Ich sehe die Straße kaum. Mich überholen einige LKW's und ehe ich mich versehe leuchten Hamburgs Lichter vor mir auf.
Ich kann die Straße kaum noch sehen. Nicht, weil es sowieso den ganzen Tag schon regnet, ich weine. Ich weine wie der wohl allen bekannte Schlosshund.
Nicht nur, dass ich erschöpft bin und gern mal mehr als drei Stunden in einer Nacht schlafen möchte. Es ist das endgültige Ende. Es gibt kein zurück.
Der Schlüssel meiner alten gehassten und doch geliebten Wohnung liegt im Briefkasten meines Vermieters und ich versuche den überfüllten Anhänger irgendwie sicher Richtung Heimat zu lenken.
"Heimat" ist auch so ein blödes Wort. Welcher dieser vielen Orte aus den letzten Jahren ist denn nun meine "Heimat".
Im Inneren weiß ich es jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn der glühenden Stadt entgegen fahre, aber ich habe noch nie zuvor wirklich in ihr gewohnt. Für ein paar Stunden, Tage, Wochen war es jedes Mal toll, aber ich frage mich, ob ich es auf Dauer ertrage.

Als ich heute den Anhänger ans Auto hängte und hoch guckte, sah ich auf einmal ein großes Lächeln. Ich stockte kurz, denn ich dachte, dass ich träumte. Vor mir stand Sascha. Ich bezeichne ihn gern als meinen "besten Freund". Obwohl wir uns so selten sehen, sind wir großartig zusammen. 
Nur mit meiner Mama habe ich mich bisher so krass gestritten und außer meiner Familie habe ich auch selten jemanden so vermisst.
Ich falle ihm in die Arme. Ich freue mich so so sehr und während ich das schreibe, kommen mir wieder die Tränen. Ich merke wie sein drei-Tage-Bart meine Wangen kratzt und rieche sein Parfum, dass ich aus 30km Entfernung bemerken würde und bin so glücklich. Gestern noch schrieb er mir, dass er sein Fußball-Training ausfallen lassen würde und ich antwortete, dass es nicht nötig wäre und wir uns bestimmt wiedersehen würden.
Es war eine gelungene Überraschung. Wir quatschten ein paar Worte und ich schenkte ihm mein Sofa, dass ich eigentlich wem anders versprochen hatte. Ich liebe dieses Sofa und weiß, dass es dort besser aufgehoben ist.

Kaum einen anderen Menschen habe ich jemals so geliebt, während ich ihn so verflucht habe. Wir verstehen uns jederzeit perfekt, auch wenn wir uns - so wie bis heute - drei Monate lang nicht sehen. Ab und an kam es vor, dass er bei mir schlief. Im Dezember war das sogar täglich der Fall.
Manchmal ging ich auch nachts noch spontan "in die Stadt". So nennt es sich, wenn man eine der zwei Kneipen in Bergen aufsucht, die um drei Uhr zur Sperrstunde schließen. Oft lief ich Sascha in die Arme. Teilweise sogar, nachdem wir uns geschworen hatten, dass wir uns nie wieder sehen wollen. 
Um ehrlich zu sein, waren wir mal kurz vor einer Beziehung. Das war ganz zu Anfang, bevor wir uns richtig kannten. Wir haben uns auf's übelste gezofft und nach vier Wochen Funkstille stand ich vor einer dieser Kneipen und beobachtete eine Schlägerei, die ein Kumpel, der mich begleitete, versuchte zu verhindern. So stand ich dort ganz allein, sah zur Seite und ein betrunkener Sascha sah mich an. "Och nö, ich hasse Dich", kam aus seinem Mund. Im Gegensatz zu ihm war ich nüchtern. Ich lächelte nur und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie verletzt ich war. "Zu Dir oder zu mir?", er grinste bis zu den Ohren und ich war hin und her gerissen. 
Es war klar, dass er nicht mehr in der Lage war, nach Hause zu gehen und da ich nur 500m entfernt wohnte, nahm ich ihn natürlich mit. Er beschimpfte mich ununterbrochen und ich musste deswegen so lachen. Ich fand es niedlich, wie er versuchte der Starke zu bleiben, obwohl mir klar war, wie sehr wir uns vermisst hatten.


So viele Worte für eine Person, die ich erst seit etwa genau einem Jahr kenne.
Es war Vatertag, wir waren mit unterschiedlichen befreundeten Gruppen unterwegs, die sich auf der gleichen Strecke trafen. Ich kannte einige Storys über ihn. Ich stand vor ihm - wir waren so betrunken - und er sagte mir einfach ununterbrochen wie niedlich ich wäre.
Eine Woche später trennte ich mich von meinem Freund und kurze Zeit später liefen wir uns auf einer Feier über den Weg. 
An dem Abend waren wir unzertrennlich und er verdrehte mir den Kopf. Aus einer deprimierenden Beziehung, in der wir nicht einmal etwas zusammen unternahmen, hin zu diesem charmanten gut aussehendem Kerl. 

Ich liebe Sascha, aber mittlerweile ist er wie ein Bruder für mich. Es gibt nichts, was ich ihm nicht erzählen könnte und ich weiß wie er tickt. Ich habe ihn die letzten Wochen, in denen ich so mit meiner "Flucht" beschäftigt war, so sehr vermisst und nebenbei sogar vergessen ihm davon zu erzählen. 
Ich werde ihn so sehr vermissen. Es ist eben keine Freundschaft, in der man sich regelmäßig kontaktiert. Eher laufen wir uns zufällig über den Weg und genießen den Kontakt sofort wieder.


Achja, so viele intime Zeilen über eine Freundschaft, die ich bisher niemandem so detailiert erzählt habe. Es ist alles endgültig und es gibt kein zurück mehr. Es ist eine gewisse Neugierde da, ob ich die tollen Menschen aus Bergen jemals wiedersehe.
Das alles macht so sentimental. Ich bin froh, dass ich wenig Zeit habe, um über alles nachzudenken.

1 Kommentar:

  1. Oh Gott, das klingt so, als wäre das alles Schicksal.
    Wirklich schöner Schreibstil <3

    Lg, Vivi

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